Rhetorik-Check: Andreas Scheuer, Auftritt bei Maybrit Illner

6 Juni
2014

Natürlich ist ein Talk-Show-Auftritt

bei „Maybrit Illner“ keine Bundestagsdebatte. Doch gerade in der Diskussion, im Wettstreit der Meinungen vor laufender Kamera, haben sich in der Vergangenheit Politiker ein klares Profil gegeben und sind in das kollektive Fernsehgedächtnis eingebrannt. Unvergesslich: Gerhard Schröder in der Elefantenrunde nach der verlorenen Wahl 2005 mit seiner patzigen Frage: „Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gespräch einginge, indem sie (Frau Merkel) sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden?“

Andreas Scheuer hat bei seinem ersten ZDF-Auftritt als Generalsekretär der CSU keinen leichten Auftrag. Er will sich stark machen gegen eine seiner Meinung nach zunehmende Belastung der Sozialsysteme durch Zuwanderer: „Wir können nicht die soziale Reparaturwerkstatt für Europa sein, als Deutsche!“ Die Hände sind zugespitzt wie beim Dirigieren. Das könnte nachdrücklich wirken. Doch viele Sätze fangen mit: „Äh, äh …“ an. Und so unterstreichen die Hände leider oft den Moment der Suche nach dem richtigen Wort. Irgendwie kommt einem das bekannt vor. Ja, da ist sie wieder: die allseits lebendige Kraft der Mimesis, die Kraft der Nachahmung durch ein allzu starkes Vorbild. Wenn in der CSU lange Zeit Franz Josef Strauß das starke Vorbild für die nachfolgende Generation war, dann scheint es für Andreas Scheuer Edmund Stoiber zu sein.

Der „Äh-Stoiberismus“ hat Andreas Scheuer infiziert

Wie ein sprachliches Virus hält den CSU-General das „Äh…“  fest im Griff. Zugegeben, ganz einfach ist es nicht, gegen eine Maybrit Illner anzureden, die jede Pause nutzt, um ihren Gästen den Gesprächsball für die nächste Frage abzujagen. Wie auf dem Fußballfeld ist auch hier geschicktes Agieren gefragt. Helmut Schmidt‘sche Rauchpausen sind in der Talk-Show-Debatte nicht Scheuers Stärken. Dafür beherrscht er das eloquente Dribbeln über viele Nebensätze hinweg. Doch sprachlich leichtfüßiges Dribbeln und Wahlkampf-Populismus scheinen nicht recht zusammenpassen zu wollen.

Zu Cem Özdemir sagt Andreas Scheuer: „Deswegen machen wir jetzt den Gesetzentwurf dazu, dass wir jetzt diesen Sozialtourismus eindämmen wollen … haben Sie den Koalitionsvertrag gelesen?“ Dessen Antwort kommt prompt: „Ich muss sowas lesen, schon von Berufs wegen …“ Da sind die Lacher auf Özdemirs Seite. Das Wort „Sozialtourismus“ nennt Serdar Somuncu „eine Polemisierung für eine Angelegenheit, die vielschichtiger ist“. Und fügt hinzu: „Wir sind ja auch in gewisser Weise Sozialtouristen, wenn wir unsere Autos in Rumänien bauen lassen.“ Somuncu hat auch das Schlusswort: „Wir sind jedenfalls soweit, dass wir uns die Arroganz nicht mehr leisten dürfen, diese differenzierte Debatte auf Parolen zu reduzieren, sei es aus Profilneurose heraus oder weil wir gerade im Wahlkampf sind. … Und das haben wir heute versucht und ich finde, da ist sehr viel Gutes dazu gesagt worden.“ Zu Scheuer: „Überraschend übrigens auch von Ihnen!“ Das Lob kam beim CSU-Generalsekretär erst nach einer Weile an.

Fazit

Mimik, Gestik, Körpersprache: * *

Lebendiger Ausdruck: * *

Redeaufbau: * * *

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