Rhetorik-Check: Katrin Göring-Eckardt, Rede im Bundestag

23 April
2015

Katrin Göring-Eckardt ist wütend.

Doch die Wut der Grünen-Fraktionschefin ist nicht laut oder aufbrausend. Sie ist ernst und sehr eindringlich – hörbar gleich zu Beginn: „Vor eineinhalb Jahren // sind schon einmal // mehrere Hundert Flüchtlinge ertrunken // vor Lampedusa.“ Bemerkenswert lange Pausen und ein ernster Ton setzen jene Erinnerungsbilder frei, die wir aus den Nachrichten kennen und die nur schwer zu ertragen sind: „Ganz Europa // ist damals auf die kleine Insel gepilgert // und es gab Versprechen und Schwüre, // dass das nie wieder // passieren dürfe. Europa // ist gescheitert. Mehrere tausend Menschen // sind bei dem verzweifelten Versuch gestorben, // bei uns Schutz zu finden, ihr Recht // auf internationalen Schutz // in Anspruch zu nehmen, // ihr Recht darauf, // Asyl zu ersuchen.“

Es ist sehr still im Plenarsaal. Katrin Göring-Eckardt gelingt es, jene Eindringlichkeit beim Reden aufzubauen, die uns zum Nachdenken bringt. Der Ton, der die Musik macht, zeigt Wirkung. Ihre Fähigkeit, Vorstellungs- und Erinnerungsbilder bei uns wachzurufen und damit gleichzeitig an unser Gewissen zu appellieren, ist bemerkenswert. Doch damit nicht genug. Wir sollen ja nicht nur nachdenken, sondern auch etwas überdenken.

„Diese Menschen aus Syrien, Eritrea, Irak, Afghanistan sind auch unsere Toten.“ Die Betroffenheit wirkt an dieser Stelle ein wenig übertrieben: „Wir kennen noch nicht einmal ihre Namen und wir haben auch keine Kerzen für sie angezündet.“ Dann folgt die politische Bewertung: „Und nicht das Mittelmeer ist grausam, sondern es ist die Abschottungspolitik… es ist die Entscheidung, Mare Nostrum zu beenden, meine Damen und Herren!“ Langer Applaus. „Wegen neun Millionen Euro im Monat und wegen des Kalküls, weniger Seenotrettung hieße weniger Anreize für Schlepper… Wer auf sicherem, auf legalem Weg nach Europa kommen kann, der braucht keine Schlepper.“ Wieder Applaus.

Der rote Faden führt zur Verantwortlichen

Frau Göring-Eckhardt nimmt den Ariadnefaden der Deutung in die Hand und begibt sich in das Labyrinth von Ursache und Wirkung: „Tausende Manschen haben mit ihrem Leben bezahlt… Und es hätte Ihnen, Herr Innenminister, Ihr Verstand aber auch Ihr Herz sagen können. Wer keinen Ausweg mehr hat, der versucht alles, der versucht alles, was nur irgendwie möglich ist und was nur irgendwie geht. Deswegen ja, es sind auch unsere, es sind auch Ihre Toten. In jeder Hinsicht sind es die Toten einer gescheiterten Abschottungspolitik.“

Das will erst einmal verkraftet werden. Der rote Faden von Katrin Göring-Eckardts Rede führt uns direkt zur Verantwortlichen, der Abschottungspolitik: „Und das ist nicht die Suche nach Schuldigen. Das ist Realismus. Und das ist die Wahrheit sagen. Und das ist die Grundlage dafür, dass das Handeln der Verantwortlichen verändert wird. Dass wirklich etwas getan wird, um die Flüchtlinge zu retten.“ Sie ist lauter geworden, eindringlicher. Die Gesten der rechten Hand scheinen jedes Wort zu diktieren. Die Worte verfehlen nicht ihre Wirkung. Die Blicke auf der Regierungsbank und ein langer Applaus zeigen es an.

Fazit

Katrin Göring-Eckardt setzt mit ihrem Debattenbeitrag Erinnerungsbilder und Assoziationen frei und kann das Publikum zum Umdenken bewegen. Endlich! Endlich eine Rede, bei der die Worte mal nicht einer juristisch-pragmatischen Haltung, sondern einem Werteverständnis entsprechen. Endlich eine Rede, die mutig geschrieben und gehalten wurde. Endlich eine Rede, die Lösungen aufzeigt statt besserwisserisch zu belehren und im besten Sinne an uns als Menschen gerichtet ist: „Wir brauchen die sicheren Korridore! Wir brauchen die Seenotrettung! Und natürlich müssen wir auch mehr Flüchtlinge aufnehmen! Wir sind eine Gemeinschaft der Menschlichkeit.“

Mimik, Gestik, Körpersprache: * * * *

Lebendiger Ausdruck: * * * *

Redeaufbau: * * * * *

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