Rhetorik-Check: Norbert Röttgen, Auftritt bei Anne Will

25 Juni
2015

„Finale in Brüssel – Letzter Akt im griechischen Drama?“

Anne Will (ARD) fragt nach. Zunächst bei Rolf-Dieter Krause, der live als Korrespondent aus Brüssel zugeschaltet ist. Dann folgt ein Einspieler mit Twittermeldungen des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras, der die Zurückweisung griechischer Sparvorschläge als ungerecht ansieht. Daher fragt Anne Will nach und das zuerst Norbert Röttgen, denn der ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag: „Herr Röttgen, geht es da fair zu in den Verhandlungen zwischen den Geld-Gebern und Griechenland? Geht es da um einen fairen Kompromiss oder geht es da um eine Demütigung?“

Mimik und Gestik unterstützen

Röttgen: „Nein, also ganz sicher (Pause) geht es nicht um eine Demütigung, sondern es geht darum (Pause), dass alle zur Solidarität bereit sind und viele ja auch schon viel Solidarität gegeben haben. Übrigens auch Portugal, ein armes Land. Der Durchschnittsportugiese ist ärmer als der Durchschnittsgrieche. Aber die sind aus dem Programm raus, genau weil sie diese Eigenverantwortung erbracht haben. Und genau darum geht es, dass die Bereitschaft zur Solidarität weiter da ist und aus eigenem politischen Interesse der EU nicht zu zerfransen… Aber es kann nur funktionieren, wenn Solidarität auch mit Eigenverantwortung beantwortet wird. Und genau diese Bereitschaft zur eigenen Verantwortung, die ist über die ganzen Monate von Herrn Tsipras, ja von der ganzen Regierung in Stil, Ton und Inhalt nicht geliefert worden.“

Norbert Röttgen versucht, beherrscht und ruhig zu bleiben. Doch seine Sätze werden im Laufe seiner Antworten immer länger, die Pausen zum Luftholen dafür kürzer. Immerhin: Seine Hände fahren raus, die Kamera hat jede Menge zu tun und wir hören gebannt zu. Bilder sagen mehr als tausend Worte. Das ist ein Pluspunkt für Röttgen: Mimik, Gestik und Körpersprache unterstützen die Worte, ermöglichen ihm bessere Betonungen und erleichtern uns das Zuhören.

Anne Will zeigt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der nach dem Wahlsieg der Partei Syriza sagte: „Regierung – ist ein Rendezvous mit der Realität. Und die Realität ist oft nicht ganz so schön, wie die Träume.“ Anne Will fragt: „Herr Röttgen, wie glauben Sie, kommt es an, wenn man eine mit Mehrheit gewollte und auch gewählte Regierung gleich mal als Träumer hinstellt?“

Röttgen antwortet: „Ich glaube, dass es legitim ist, dass Regierungen sich auch kritisieren. Und ich halte es auch für legitim, dass deutsche Politiker eine Partei, die auch nach meiner festen Überzeugung falsche Versprechungen gemacht hat, die bar jedes Wirklichkeitsbezugs im Wahlkampf… dass man das auch benennt. Dass wir sagen dürfen und auch müssen: Ihr macht falsche Versprechen. Das ist nicht zu halten. Mit diesen falschen Versprechen hat Syriza in Verbindung mit der Verzweiflung in Griechenland die Wahl gewonnen… (gefühlte fünf Minuten später) …Griechenland hat trotzdem jede Chance gehabt – auch diese Regierung.“

Nun zieht auch das Tempo bei ihm an, denn andere Talkshow-Gäste wollen unterbrechen. Gesine Schwan, Giorgos Chondros, Hans-Werner Sinn, sie alle haben keine Chance bei Norbert Röttgen. Selbst Anne Will braucht mehrere Anläufe und schafft es dann endlich mit einem Kommentar: „Meinen Sie!“ Röttgen hält dagegen: „Natürlich hatte sie… Also, welches Interesse haben wir denn, dass Griechenland nicht nach vorne kommt?“

Anne Will reagiert schnell und schlagfertig: „Da könnte ich Ihnen helfen. Natürlich gibt es die Unterstellung, dass das neoliberale Europa an Syriza ein Exempel statuieren will!“

Röttgen: „Der Kern des Problems ist, dass in Griechenland weder Staat noch Wirtschaft grundlegend funktionieren… Und darum ist die eigentliche Frage: Ist die Regierung des Landes bereit, sich auf den Weg zu machen, dieses Land zu modernisieren?“

Will: „Und wie lautet die Antwort auf Ihre selbstgestellte Frage? Sind sie dabei, zu modernisieren?“

Röttgen: „Jetzt bin ich wieder bei Schäuble, der zu Recht kritisiert und leider auch nach sechs Monaten bestätigt worden ist, dass die griechische Regierung nicht einen einzigen Vorschlag der Modernisierung von Staat und Wirtschaft vorgelegt und durchgeführt hat. Wenn ich neben Schäuble noch einen unverdächtigeren Zeugen zitieren darf, dann ist es Jürgen Habermas, der die Politik des IWF sehr grundlegend kritisiert, aber sagt, was man dieser Regierung vorwerfen muss, ist, dass sie nicht ein Reformprogramm geliefert hat. Und das ist das wirkliche Versagen.“

Fazit

Klare Strukturen, ein wenig zu lang, dafür hohes Tempo und immer dynamisch in der Körpersprache. Agil und mitreißend, weil selber mitgerissen von Themen, Ereignissen und Menschen. Röttgens rhetorische Stärke könnte auch seine Schwäche sein: die Eloquenz.

Mimik, Gestik, Körpersprache: * * * * *

Lebendiger Ausdruck: * * * *

Redeaufbau: * * *

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